mit Gudrun Barenbrock

Bettina Pelz: Interview mit Gudrun Barenbrock.
Publiziert am 7. September 2022

Was sind die Eindrücke, die du in den letzten Wochen, in der Vorbereitung zu den GOLDSTÜCKEN, gewonnen hast? Welche Beobachtungen beschäftigen dich?

Wie grün das Ruhrgebiet geworden ist. Wie sehr das Ländliche wieder hervortritt, jetzt, da sich die Industrie zurückgezogen hat. Wie heimatlos diese gigantischen Bauten nun in der Gegend herumstehen. Wie dicht hier aber immer noch alles miteinander verwoben ist – die Häuser, die Siedlungen, die Straßen, die Kanäle … – man weiß eigentlich nie genau, wo man sich gerade befindet. Alles geht nahtlos ineinander über. Das Ruhrgebiet ist eine einzige endlose Stadt.

Kommt daher der Titel deiner Arbeit für Gelsenkirchen: Endless Cities? Wie lässt sich die Arbeit, die du für Gelsenkirchen vorbereitest, beschreiben?

Zu sehen ist eine Foto- und Videomontage, die sich über zwei Fassadenwände des Kunstmuseums spannt. Jede Projektionsfläche steht dabei erst einmal für sich und ist auch so konzipiert. In der Betrachtung setzt man dann aber beide Seiten in Bezug zueinander. Es entsteht eine Kommunikation der Bilder, wie ein Frage- und Antwortspiel. Die Filme verweben sich zu einem dichten Netz aus urbanen Rhythmen und Strukturen. Dafür benutze ich analoges und digitales Material aus meinem Archiv, aber auch neue Aufnahmen, die ich in den letzten Wochen extra für diese Arbeit gemacht habe.

Welche konzeptionelle Leitidee verbindest du mit „Endless Cities“?

Weltweit leben immer mehr Menschen in Städten. 2050 werden es zwei Drittel der Erdbevölkerung sein – das sind dann etwa 6,5 Milliarden. Zersiedelung und Dezentralisierung gehören schon jetzt zu den Ursachen, warum wir zunehmend im Verkehr steckenbleiben, Freiflächen verlieren und verschmutzte Luft einatmen. Städte stinken, sind laut und gehen auf die Nerven, trotzdem haben sie eine große Anziehungskraft. Was macht diese Faszination aus? Geschwindigkeit? Die Abwesenheit von Dunkelheit? Die Anwesenheit der Anderen? Ich finde Muster und füge sie zu Clustern. So baue ich meine eigene Stadt.

Re:mixed (Marburg 2022): Filmmaterial. :KUNST.LABOR.STAT.PLATZ Marburg 2022. Video: Gudrun Barenbrock

„Texturen der Stadt“ ist das Thema der GOLDSTÜCKE in diesem Jahr. Zentrale Begriffe für mich als Kuratorin sind die Art und Weise wie sich eine Stadt lesen lässt, wie sich Themen und Inhalte in die Materialität einer Stadt einschreiben und wie sie sich daraus Formen und Konventionen generieren.

Diese Schlüsselbegriffe lassen sich sowohl analog wie digital verstehen, in diesem Sinne interessieren mich Künstler_innen, die analoge und digitale Texte, Formate und Kodierungen miteinander ins Spiel bringen. Wie siehst du deine Arbeit in diesem Zusammenhang?

„Textur“ verstehe ich in diesem Zusammenhang als Bewegungsfluss, im Gegensatz zur einzelnen Bewegung. Vielschichtigkeit ist ein weiteres Stichwort. Man kann sagen: In der Stadt geschieht alles zur gleichen Zeit. Diese Strömungen, diese Gleichzeitigkeiten untersuche ich in meiner Arbeit. Ich entwickle Schnittstellen und setze das Material im experimentellen Bildraum neu zusammen. Dieser Prozess ist für mich künstlerische Forschung mit offenem Ausgang: sammeln, experimentieren, manipulieren, variieren, reduzieren, komponieren … Ich arbeite nicht mit computergeneriertem Material. Alle Aufnahmen entstehen im analogen, physischen Raum und werden erst in der Postproduktion digital bearbeitet. So lassen sich reale Bewegungsflüsse beschreiben und in digitale Gewebe übersetzen. Dabei interessieren mich auch die spezifischen ästhetischen Qualitäten: Im Analogen existieren unendlich viele Möglichkeiten und Zwischenstufen. Digital dagegen heißt immer Reduzierung. Auf die Essenz, auf das durchschnittlich Wahrnehmbare, auf 0 und 1. Zwischen diesen beiden Polen bewegt sich meine Arbeit. Erst diese Parallelität ermöglicht die wechselnde Blickwinkel und kann die Unschärfe des Alltagssehens zu Bewusstsein bringen.

lost & found (Installationsansicht). LICHTSTROM Ingolstadt 2021. Video: Gudrun Barenbrock

Und wie hast du dich darauf vorbereitet? Wie erschließt du dir einen Ort oder einen Kontext? Was ist hilfreich, wenn du vor Ort arbeitest?

Ich bin eine leidenschaftliche Sammlerin und habe mittlerweile ein ziemlich großes Bildarchiv. Irgendetwas Interessantes, Auf-die-Seite-Gelegtes oder längst Vergessenes findet sich da immer. Das ist die Grundlage, damit kann ich experimentieren und ausprobieren. Das ist wie beim Sampeln in der Musik – mit dem Unterschied, dass ich nur eigenes Material verwende. Diese Filme ergänze ich dann um neue Aufnahmen. Für „Endless Cities“ sind das Videos, die ich während einer Fahrt vom Gelsenkirchener Hauptbahnhof nach Buer gemacht habe, immer entlang der Straßenbahnschienen. Ich will, dass meine Arbeit einen direkten Bezug zu der Stadt hat, für die sie gemacht ist und in der sie zum ersten Mal gezeigt wird.

Du arbeitest mit Projektionen, die nicht auf eine weiße Leinwand treffen, sondern die einen Dialog mit einer architektonischen Oberfläche und einer stadträumlichen Umgebung eingehen. Was interessiert dich daran?

Der öffentliche Raum ist das Gegenteil vom White Cube eines Ausstellungshauses. Im Stadtraum sind die Ablenkungen groß, da muss sich die Kunst erst einmal behaupten. Gehe ich also mit der Situation oder arbeite ich dagegen? In Gelsenkirchenhabe ich mich entschieden, die Umgebung widerzuspiegeln und weiterzuschreiben, bis zum visuellen Exzess. Das Kunstmuseum liegt an einer Hauptstraße, da sind immer Menschen, Autos, Straßenbahnen, Reklametafeln,Schaufenster, vielfältige Geräusche … dadurch entsteht sowieso schon eine ständige Dynamik.

Außerdem gibt es den Untergrund, auf den projiziert wird, der immer mitgedacht werden muss. Die Fassade der Alten Villawurde ja schon von einem sichtbaren Gestaltungswillengeformt. Nun komme ich und setze darauf noch eine weitere Struktur. So wird 1893 von 2022 überlagert, aber natürlich ist die alte Oberfläche immer noch da. Sie wirft zum Beispiel sichtbare Schatten, die das Erscheinungsbild meiner Arbeitbeeinflussen. Was machen diese unterschiedlichen Welten miteinander, die objektive dreidimensionale und meine subjektive zweidimensionale?

Video: Gudrun Barenbrock

Fotografien sind dein künstlerisches Ausgangsmaterial, warum ist Fotografie ein produktives Medium für dich?

Fotografie, Film – ich mache da keinen großen Unterschied. Die Fotografie war einfach zuerst da. Schon an der Akademie habe ich viel fotografiert, obwohl ich ja in einer Malklasse war. Damals habe ich mit Diaprojektionen experimentiert und erste Lichträume gebaut. Das war lange bevor ich mir eine eigene Videokamera gekauft habe. Heute verwende ich beides, Film- und Fotografie. Die gleichzeitige Verwendung von Stand- und Bewegtbild verschafft mir einen großen Gestaltungsspielraum.

Es gibt eine Vielzahl von Arbeiten, die mit schwarz und weiß als Farben auskommen. Warum ist diese Form der Farbreduktion wichtig für dich?

Ich mag den Verweis auf die Ästhetik der analogen Schwarzweiß-Fotografie mit ihrer dokumentarischen Anmutung. Eine Farbreduktion ermöglicht die Fokussierung auf Grundsätzliches wie Kontraste, Strukturen, Rhythmen. Ich arbeite hin und wieder durchaus mit Farbe – das dann aber ganz gezielt. Wenn ich meine Filme schwarz-weiß anlege, macht die Abwesenheit von Farbe deutlich: Hier passiert gerade etwas Anderes. Hier fehlt ein wesentliches Element aus der analogen Welt. Was unseren Alltag ausmacht, ist hier einfach nicht da. So entsteht ein Ort, der allein durch die Abwesenheit einer sonst allgegenwärtigen Komponente zu etwas Besonderem wird.

Die GOLDSTÜCKE sind nicht deine erste Ausstellung in Gelsenkirchen, du hast schon einmal im Kunstmuseum ausgestellt. Wann war das? Was war der Zusammenhang?

Das war 1988, eine Gruppenausstellung von Studierenden der Kunstakademie Münster, mit dem bezeichnenden Titel „Klasse!“. Das war eine der ersten größeren Ausstellungen für uns. Damals habe ich allerdings noch gemalt und ausschließlich Leinwandarbeiten gezeigt.

Hat sich deine künstlerische Arbeit über die Jahre verändert?

Ja natürlich. Und sie verändert sich immer noch, so wie wir Menschen uns ja auch mit den Erfahrungen und über die Zeit verändern. Trotzdem bleiben auch Konstanten, sie tauchen dann in Varianten wieder auf. Ein Interesse an der Entgrenzung von Räumen zum Beispiel. Das Thema habe ich schon mit meiner Malerei verfolgt, durch präzise Hängungen, durch ausmalen und farbliche Verdichtungen. Das interessiert mich heute immer noch. Ich arbeite mittlerweile nur mit einem anderen Medium, das mir eine gewisse Flexibilität verschafft. Die Immaterialität des Lichts bedeutet einfach größere gestalterische Freiheit.

Was ist dir an deinen Arbeiten wichtig?

Ich möchte Bilder schaffen, die einen anderen Blick auf die Welt als den hysterischen tagespolitischen ermöglichen. Ich entwickle experimentelle Bildräume. „Strukturelles Video“ ist wahrscheinlich die passende Beschreibung. Storytellinginteressiert mich nicht. Ich lote die Verbindungsmöglichkeiten von Bildern aus, auch von Motiven, die auf den ersten Blick nicht unbedingt zueinander gehören. Der Fokus liegt dabei auf Form und Struktur – gleich-gleich, aber auch Abweichungen, Verstärkungen, bis hin zum äußersten Kontrast. Daraus ergeben sich visuelle Rhythmen, denen man sich idealerweise wie in einer Art Trance hingeben kann. Immersion ist ein wichtiges Stichwort – hineingehen, umfangen sein, durchdringen – aber nicht in der virtuellen Realität, sondern in Präsenz. In ihrer Intensität ist die analoge Rezeption einfach unschlagbar.

Wie arbeitest du? Wie beschreibst du deine künstlerische Praxis?

Der Zufall ist wichtig. Oft nehme ich meine Kamera einfach mit, ohne etwas Bestimmtes im Sinn zu haben, sie ist klein, sie passt in meine Jackentasche. Ich finde eine gewisse Beiläufigkeit wichtig – manchmal stoße ich auf etwas, das mich interessiert, manchmal nicht. Die Aufnahmen benutze ich auch, um meine Einstellung und Haltung zu überprüfen, sie bieten mir eine Referenz. Sie versichern: So ist es wirklich gewesen – so und nicht anders.

In der anschließenden Postproduktion arbeite ich mit den technischen Mitteln Collage, Montage, Filterung … Ich lassemich dabei von den Aufnahmen zu neuen Bildfindungen leiten. Oft wird ja erst in der Bearbeitung sichtbar, was alles in einem Bild steckt. Wenn ich in der analogen Welt filme, zum Beispiel Lichtreflexe auf Metalloberflächen oder Schatten, die auf ein Zeltdach fallen, entstehen kleine Ungenauigkeiten, die ich als Vorteil sehe. Es sind diese Abweichungen, die sich nicht so leicht am Computer erzeugen lassen.

Manchmal baue ich auch kleine Versuchsanordnungen, befestige die Kamera an bewegliche Objekte, baue Konstruktionen für Aufnahmen, die mir ungewohnte Perspektiven ermöglichen. Diese experimentelle Arbeit reizt mich.

Was hat dich in der Ausbildung deines künstlerischen Ansatzes geprägt? Was hat deine künstlerische Haltung beeinflusst?

Das waren vor allem andere Künstler und ihr Umgang mit Raum und Struktur, Licht und Farbe – Barnett Newman zum Beispiel oder auch Richard Serra, und natürlich vor allem James Turrell, Dan Flavin, Bruce Nauman …Am Anfang aber stand wahrscheinlich die Kirche. Ich meine damit keine religiöse Haltung oder Institution, sondern den physischen Sakralbau. Ich bin in einer kleinen Gemeinde im westlichen Münsterland aufgewachsen, da hat man traditionell schöne katholische Kirchen. Unsere stammt aus dem 13. Jahrhundert und besitzt noch das originale Chorfenster, eine Glasmalerei in tiefblau, die den gesamten Altarbereich vor allem in den Morgenstunden in ein sphärisches Licht taucht. Für mich als Kind war das natürlich der Himmel. Auch an der Südseite gibt es eine durchgehende, hohe Fensterreihe. An Sonnentagen ist die Strahlwirkung immens, der ganze Raum wird im Wortsinn erleuchtet. Dies war wahrscheinlich die erste Lichtinszenierung, die ich erlebt habe. Heute arbeite ich mit Licht, und die Kamera ist meine Lichtzeichenmaschine.

Welche Kunsterfahrungen haben dich geprägt?

Spontan fällt mir „Air Mass“ von James Turrell ein, das war 1993 in der Londoner Hayward Gallery. Turrell hatte seine Arbeit für das Dach konzipiert. Man stieg durch eine Art Tunnel hinauf und stand schließlich in einer hölzernen Kiste zwischen gelb-orange leuchtenden Wänden. In der hohen Decke war ein tiefblaues Rechteck zu sehen – von so intensiver Körperlichkeit, dass man seinen Augen kaum traute, als dort oben Flugzeuge auftauchten, reale, bewegliche Objekte. Die vermeintliche Leinwand war tatsächlich ein offener Deckenausschnitt, wir schauten direkt in den Abendhimmel und konnten die Landeanflüge auf Heathrow beobachten. Nie wurde ein Komplementärkontrast poetischer inszeniert als hier.

Was brauchst du für eine gute Arbeitsatmosphäre?

Ich muss mich zurückziehen, um ganz in ein Thema eintauchen zu können. Alles andere wegschieben und vergessen. Handy aus, Mails und Nachrichten ignorieren. Nur essen, trinken, schlafen. Auf dem Sofa rumliegen. Bisschen bingen. Schokolade ist gut. Stille. Wenn das irgendwann nicht mehr auszuhalten ist, zu Freunden gehen oder auf eine Party. Das ist dann gut.

Welche Rolle spielt das Publikum für dein Projekt? Was wünscht du dir von den Besucher_innen?

Sicher kann man vor allem Film auch daheim am Bildschirm anschauen. Aber nur die physische Präsenz im Raum macht eine künstlerische Arbeit direkt und unmittelbar erfahrbar. Das geht nicht ohne Besucher. Ohne Publikum ist die Arbeit nur halb existent, dass haben Corona und Lockdowns sehr deutlich gemacht. Deshalb wünsche ich mir: Kommt und schaut. Bleibt eine Weile. Bringt euch Getränke und Essen mit, sprecht miteinander. Genießt. Lasst euch umfangen.

Welche der anderen künstlerischen Positionen der GOLDSTÜCKE empfiehlst du den Besucher_innen und warum?

Die hier gezeigten Arbeiten sind so vielfältig und unterschiedlich, dass es mir schwer fällt, eine besonders heraus zu heben. Mich maschen alle Positionen neugierig ich werde mir auf jeden Fall alles anschauen.

Gudrun Barenbrock

Köln, im September 2022

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BEITAGSBILD

Gudrun Barenbrock .KUNST.LABOR.STADT.PLATZ Marbrug 2022. Foto: Christian Stein